Mein zweiter Aufenthalt im AKH

14.-22.06.2011

Mein zweiter Aufenthalt im AKH war eine einzige Erholung. Kurz davor war ich ambulant auf zwei Insuline eingestellt worden, eines für den Langzeitzucker, das andere für den Tageszucker, und seit langem hatte ich normale Zuckerwerte. Die beiden Leidensgenossen in dem Dreibettzimmer waren gesprächig und nicht so borniert wie die drei alten Tatteriche im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern. Beide hatten Löcher in den Füßen vom Zucker und da musste ich immer wieder daran denken, wie arg das Gutachten des Psychiaters an der Realität vorbei ging, der mir beim aktuellen Verfahren wegen der Invaliditätspension den Drogenkonsum vorwarf, der länger als 35 Jahre zurücklag.

Bei den Klagen gegen den abschlägigen Bescheid der PVA geht es eindeutig nicht mehr um ein halbwegs faires Verfahren, sondern nur noch darum, so viele Leute wie möglich abzuweisen. Egal, ob sie am Arbeitsmarkt überhaupt noch eine Chance haben oder nicht. Der eigentliche Skandal ist, dass die Gutachter schreiben können, was sie wollen und ihnen wird mehr geglaubt als aktiven Ärzten, die am neuesten Stand der medizinischen Forschung sind. Und sie werden überhaupt nicht kontrolliert.

Monolog eines Gutachters

Plötzlich hatte ich absolut keinen Stress mehr, weder vom AMS noch wegen der Mindestsicherung. Ich genoss den geschützten Rahmen als Patient im AKH. Es gab einmal drei Schnitzel in einer Woche, allerdings ohne Panier (also nicht eingebröselt), aber das machte mir überhaupt nichts aus. Die Portionen hätten grösser sein können. Auch das war nicht so schlimm, denn auf Ebene 5 gibt es ein kleines Lokal, das täglich bis 21 Uhr geöffnet hat und wo es Pizza, Nudel- und Reisgerichte gibt.

Kein Stress mehr. Das war die schönste Erfahrung nach langer Zeit und ich dachte oft darüber nach, wie es mir heute gehen könnte, wenn ich nicht mehr als zwanzig Jahre lang finanziell viel zu kurz gehalten worden wäre. Wenn mir ausreichend Geld zur Verfügung gestanden wäre, um mich in all den Jahren der Entbehrungen so zu ernähren wie es gut für die Gesundheit gewesen wäre. Und am Ende stand immer die Überlegung, ob mehr Geld nicht auch wesentlich günstiger für das Gesundheitssystem gewesen wäre, das jetzt mit jährlichen Kosten wegen meines angegriffenen Gesundheitszustandes rechnen muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung den Befürwortern des Sparwahns sauer aufstossen würde. Und es gibt viel zu viele Menschen, denen es ganz ähnlich geht wie mir.

An einem Sonntag hörte ich auf Ö3 die Sendung “Frühstück mit mir”. Gast war eine Ö3-Mitarbeiterin, die sich in wenigen Tagen selbständig machen wollte. Sie erzählte von ihren Eltern und wie verständnisvoll sie schon als Heranwachsende behandelt worden ist. Zum ersten Mal in meinem Leben (eigentlich zum ersten Mal seit ich mich in der Armutskonferenz und bei Sichtbar werden engagiert hatte), machte ich mir Gedanken über den Gegensatz von Arm und Reich. In diesem Fall dachte ich über die Chancen nach, die jemand haben kann oder die jemand eben nicht haben wird und zwar nur aufgrund der Herkunft. Reiche Eltern: Unzählige Chancen. Arme Eltern: Pech gehabt. Ewig schade, was da an Potentialen für immer verloren geht.

Auf Ebene 21 befindet sich die Diabetiker-Station des AKH und hier wird den Patienten alle drei Stunden der Zucker gemessen. Bei Tag und bei Nacht, unbarmherzig alle drei Stunden. Eines Nachts wurde bei meinem Bettnachbarn nur noch 20 Zucker gemessen. Optimale Werte liegen zwischen 70 und 100. Zwanzig war da schon lebensbedrohend. Plötzlich war alles hell und das Zimmer wimmelte nur so von Schwestern und Ärztinnen. Der Patient lag bereits im Koma und wurde wiederbelebt. Und wieder dachte ich an die Gemeinheiten der Gutachter, die so tun als ob Diabetes weniger schlimm als eine Verkühlung ist.

Ja, es gibt Diabetiker, die arbeiten. Es gibt sogar eine Hochleistungssportlerin, die Diabetes hat und trotzdem bei Wettbewerben mitmacht. Aber nicht jeder Mensch hat dieselben Beschwerden. Nicht jeder Mensch ist gleich alt. Und nicht jeder Mensch hat zusätzlich eine zweite chronisch gewordene Krankheit wie Hepatitis C mit einer Leberzirrhose im Anfangsstadium. Es wird alles über einen Kamm geschoren und das macht unglaublich hilflos. Es ist als ob das Recht auf ein gutes Leben für alle eben nicht allen zugestanden wird.

Zwei Tage später wurde mein Bettnachbar nach Hause geschickt. Einen Tag später kam ein Patient von der Intensivstation zu uns ins Zimmer. Er war gebürtiger Rumäne, der seit Jahren in Deutschland lebt und arbeitet. Er war zu Besuch bei seinen Eltern, in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist, und befand sich auf der Heimfahrt. Unterwegs hatte er viel zu hohen Zucker, verlor das Bewusstsein und verursachte einen Verkehrsunfall. Er war zwei Monate in der Intensivstation. Wegen Diabetes und wegen zu hohen Zuckerwerten…

Armutskonferenz

Sichtbar werden

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METABLOG_iii: Europa – die Armen haben nichts zu lachen

Dass neoliberale Gierbanker weder Kultur, noch ein halbwegs realistisches Geschichtsbewusstsein haben, wird besonders dann deutlich, wenn es um Griechenland geht. Das Land ist hauptsächlich wegen der Bankenkrise von 2008 in die unangenehme Situation der rasch voranschreitenden Zahlungsunfähigkeit geraten. Aus keinem anderens Grund sonst. Erschwerdend für Griechenland ist der Umstand, dass es mit dem NATO-Partner Türkei traditionelle Spannungen gibt, weshalb beide Länder ständig aufrüsten.

Statt das Übel an der Wurzel zu packen und die beiden Länder an einen Tisch zu setzen, um über die längst fällige gegenseitige Abrüstung zu verhandeln, werden beide Staaten unaufhörlich mit Waffen beliefert. Deutschland liefert neue Waffensysteme an Griechenland und wenigstens doppelt so viele gebrauchte Waffensysteme an die Türkei. Waffenhersteller aus Deutschland reiben sich die Hände angesichts der zu erwartenden Gewinne. Politiker aus Deutschland sind sich nicht zu blöde, bei Verhandlungen mit griechischen Entscheidungsträgern auf die Einhaltung von Verträgen (sprich: pünktliche Zahlungen) zu drängen, obwohl sie die trieste finanzielle Situation des Landes nur zu gut kennen. Auf der anderen Seite werden 4 Millionen in Deutschland lebende Türken als unwillkommene Eindringlinge erlebt, was mit Ängsten begründet wird, die zum Teil schlicht fantasiert werden wie etwa die angeblich bevorstehende “Abschaffung” von Deutschland.

Türken werden rundweg abgelehnt und gemieden, gleichzeitig werden die Griechen in den Ruin getrieben. Das ist nicht das Europa, das wir Menschen mit Armutserfahrungen wollen! Das ist nicht das Europa, das ich will!

“Das Geld war alle, gegessen hatte er seit vier Tagen nicht mehr. Dann nahm Dimitrios Manikas sein Gewehr und fuhr zu seinem früheren Arbeitgeber in Komotini, einer Industriestadt in Nordgriechenland. “Sie haben mich auf die Straße geworfen. Ich will, dass sie mich wieder zu einem Menschen machen”, brüllte er ins Telefon, als Reporter ihn erreichten. Da hatte Manikas schon seinen Ex-Chef angeschossen und zwei Geiseln genommen.

Der 52-Jährige gab nach stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei am frühen Freitagmorgen auf. Das Geiseldrama bei Helesi, einem Hersteller von Müllcontainern, endete unblutig. Doch Griechenland lernte einmal mehr, wie die tiefe Wirtschafts- und Finanzkrise auch das soziale Klima im Land verschärft hat. Verzweiflungstaten wie in Komotini, Selbstmorde, Raubüberfälle, Krawalle sind fast zum Alltag geworden. Am Donnerstag diese Woche fand die Polizei die Leiche eines Kioskbesitzers. Der Mann war mit einem Schuss in den Kopf getötet worden, er lag in seinem Laden in Peristeri, einem Außenbezirk von Athen.”

(Markus Bernath in: derStandard.at: Krise treibt Kriminalität in Griechenland hoch)

Ganze Stadtteile der griechischen Hauptstadt Athen sind unsicher geworden. Überfälle auf 70- oder 80-jährige Pensionisten sind an der Tagesordnung. Jugendbanden halten Fußgänger auf, fordern die Herausgabe von Bargeld und Schmuck. Die Arbeitslosigkeit hat zuletzt einen Stand von 21 Prozent erreicht, 40 % der Jugendlichen sind ohne Job. Das sind alarmierende Zahlen aus Griechenland, ein Land, das noch vor wenigen Jahren ganz anders aufgestellt war als es heute der Fall ist.

Griechenland – von einstiger Größe zum Elend von heute

Europa, der Kontinent, aber natürlich auch die EU, verdankt nicht nur den Namen einem Reich der Antike, das politisch, aber auch kulturell zu den absoluten Höhepunkten in der Weltgeschichte zählt. Wir – die Europäische Union – sollten stolz darauf sein, ein Land wie Griechenland zu unserer Staatengemeinschaft zählen zu dürfen.

Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) empfiehlt Griechenland den Austritt aus der Euro-Zone. Der österreichische Präsident der Wirtschaftskammer Christoph Leitl schlägt vor, Griechenland solle einige Inseln an die Türkei verkaufen. Das ist in etwa so, wie wenn Angela “die sächsische Hausfrau” Merkel Österreich in einer ähnlichen Situation empfehlen würde, die restlichen beiden Tirole an Italien zu verkaufen.

Von einem deutschen Innenminister und einem österreichischen Wirtschaftskammer-Präsidenten sollte doch erwartet werden dürfen, dass sie über einiges mehr an Bildung verfügen als gewöhnliche Durchschnittsbürger. Mit solchen Wortmeldungen entsteht aber der Verdacht, dass die Vertreter neoliberalen Wirtschaftens keine andere Kultur und kein anderes Geschichtsbewusstsein kennen als das von Geld, Gier und Macht, von vollen Auftragsbüchern und unbegrenztem Wirtschaftswachstums.

Das ist nicht das Europa, das ich will. Das ist nicht die Welt, die ich will.

Tante Jolesch

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METABLOG_ii: Immer wieder dieselbe Leier: Für soziale Projekte ist kein – oder viel zu wenig – Geld da

Zurück zu ida.EQUAL. Den wenigen deutschsprachigen Dokumentationen zu diesem gesamteuropäischen Pilotprojekt war zu entnehmen, dass es den Trägervereinen freistand, die Projekte nach dem Ende der finanziellen Förderungen aus esf und Arbeits- und Wirtschaftsministerium weiter zu führen. Dann allerdings auf eigene Kosten und das war vielen Vereinen einfach zu teuer.

Meines Wissens gab es in Österreich ganze zwei Projekte, die nach dem Ende der finanziellen Förderungen weitergeführt wurden. Das eine war ein steirisches Projekt, das andere ein Projekt im Burgenland mit dem Namen “mri buti”, was in der Sprache der Roma so viel wie “Meine Arbeit” bedeutet.

Das Projekt hatte von Anfang an mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Jahrzehntelang hatte sich kein Schwein um die Roma in einem kleinen Dorf im Burgenland gekümmert. Plötzlich kamen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und erklärten den Roma etwas von einem Projekt und von Arbeit. Natürlich waren die Roma misstrauisch und es dauerte seine Zeit, bis sie den Fremden glaubten und Hoffnung machte sich unter den Roma breit.

Bei den Projekten im Rahmen von ida.EQUAL war auch an gegenseitigen Besuchen gedacht. Die Roma kamen insgesamt zweimal zu uns ins Tagesstrukturzentrum. Das erste Mal unmittelbar nachdem des Projekts “mri buti” angelaufen war. Die Frauen fanden Arbeit in einer Wäscherei, die Männer gingen in den nahen Wald, wo sie Holz hackten. Viele – nein, eigentlich alle – Roma hatten endlich wieder etwas Nützliches zu tun, ihr Ansehen stieg, auch in den umliegenden Ortschaften, und sie hatten plötzlich Geld zur Verfügung, ohne darum betteln zu müssen. Bei ihrem ersten Besuch im Tagesstrukturzentrum sah man nur fröhliche Gesichter, die Roma lachten viel und sie erzählten von sich aus von ihrem früheren Leben und was sich seither getan hatte.

Ganz anders die Situation etwa ein Jahr später. Die Roma standen da mit hängenden Schultern und kaum einer sprach mehr als nur einige, wenige Worte. Auch die begleitenden Sozialarbeiterinnen waren sichtlich traurig, weil das Ende des Projektes “mri buti” kurz bevorstand. Die Projektleiterin setzte Himmel und Hölle in Bewegung und schlussendlich erreichte sie und ihre Mitstreiterinnen, dass das Projekt auch verlängert wurde.

Das Beispiel vom Obdachlosen ebenso wie das der Roma im Burgenland zeigen mehr als deutlich, wie abgehoben die Leute sein müssen, die sich solche Projekte einfallen lassen, nur um sie nach viel zu kurzer Zeit sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden zu lassen. Leidtragende sind immer nur die Ärmsten der Armen, also Menschen, die sich nicht wehren können. Zuerst macht man ihnen Hoffnungen, nur um sie bald wieder alleine zu lassen. Weil plötzlich kein Geld mehr da ist für soziale Projekte.

Eigentlich müsste es für Menschen in instabilen Lebenssituationen – egal, ob es sich dabei um obdachlose Personen oder um Roma handelt – unbefristete Projekte geben, die vom Staat finanziert werden. Der “Sozialstaat” stiehlt sich aber zunehmend aus der Verantwortung und überlässt es privaten Initiativen, einige wenige soziale Projekte zu fördern, die nach einem Ausscheidungsverfahren als förderungswürdig eingestuft werden.

Eine EU, die Sozialunion und nicht nur Wirtschaftsunion sein will, sieht anders aus.

Tante Jolesch

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METABLOG: Europa 2020 Strategie

An dieser Stelle möchte ich gerne das Tagebuch unterbrechen und über die Entstehung des Blogs berichten, so zu sagen eine Reflektion darüber, wie es zu diesem Projekt kam, und was alles damit zusammenhängt. Danach werde ich an dem Blog so weiterschreiben wie vorher.

Als ich das erste Mal von der damals noch brandneuen “Europa 2020 Strategie” gehört habe, hat es mir innerlich die Haare aufgestellt. Die Europa 2020 Strategie soll die Lissabon Strategie ablösen. Ein Ziel von Lissabon war, innerhalb von nur zehn Jahren in der gesamten EU die Armut zu halbieren. Dieses ehrgeizige Ziel wurde bekannlich nicht nur weit verfehlt, die Armut hat sich in diesem Zeitraum in der gesamten EU vervielfacht und nicht bloß verdoppelt.

Nun muss davon ausgegangen werden, dass dieselben “Köpfe” in Brüssel noch so einen Rohrkrepierer kreiert haben. Zwar ist das Ziel der Europa 2020 Strategie etwas bescheidener, denn bis 2020 soll die Armut in der gesamten EU-Zone um 20% verringert werden. Wer sich jedoch die “Problemländer” wie Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, Italien und neuerdings sogar Belgien anschaut, der wird unschwer erkennen, dass in diesen Ländern der Gemeinschaft bereits jetzt die Armut um ein Vielfaches der anvisierten 20% gestiegen ist, sich also nicht verringert hat.

Aus: Elisabeth Klatzer, Christa Schlager: Europäische Wirtschaftsregierung – eine stille neoliberale Revolution. In: Kurswechsel 1/2001, S. 70

Meine Bedenken gegen diese Europa 2020 Strategie möchte ich aufgrund meiner Teilnahme an einem Projekt verdeutlichen, das vermutlich von denselben Brüsseler “Köpfen” ausgeheckt worden ist. Es handelt sich dabei um das Tagesstrukturzentrum – ein zeitlich befristetes Projekt (genauer: ein Projekt mit zeitlich befristeter finanzieller Förderung durch den esf und das damalige Arbeits- und Wirtschaftministerium) im Rahmen von ida.EQUAL. Das war ein Pilotprojekt in allen Ländern der EU mit dem Ziel, Erfahrungen zu sammeln, die für spätere Projekte verwertet werden sollten. Solche Projekte wie es das Tagesstrukturzentrum war, mussten wenigstens drei Partnerprojekte haben, die jeweils von einem anderen Verein “getragen” wurden. Das Tagesstrukturzentrum mit dem Trägerverein Wiener Hilfswerk, hatte die Partnerprojekte first_step der Caritas Wien, die Kreativwerkstatt des Vereins der Würfel (Myrrthengasse) sowie so etwas wie eine Jobberatung, die beim Zielpublikum, nämlich Menschen in instabilen Lebenssituationen, völlig fehl am Platz war.

Die ursprünglichen Vorgaben für den Verbleib im Tagesstrukturzentrum beinhalteten eine Verweildauer von ca. sechs Monaten, was vom Schlüsselpersonal bald als unzureichend erkannt worden ist, weshalb die Verweildauer von den Fortschritten der betroffenen Menschen abhängig gemach wurde. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Tagesstrukturzentrums waren Menschen, die lange arbeitslos waren, die gesundheitliche Beeinträchtigungen hatten, die obdachlos waren oder mit anderen Beeinträchtigungen zu kämpfen hatten. All diese Menschen gehörten zum Kreis der so genannten “arbeitsmarktfernen Personen” und verfügten in der überwiegenden Mehrheit über keine abgeschlossene Berufsausbildung oder hatten ein für den Arbeitsmarkt “gefährliches” Alter erreicht.

Stellvertretend für viele andere Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Tagesstrukturzentrums möchte ich am Beispiel eines Obdachlosen illustrieren, wie verheerend zeitlich befristete Projekte für betroffene Personen sein können. Zuerst brachte unser Obdachloser das Schlüsselpersonal zur Verzeiflung, weil er sich weigerte, das Angebot eines betreuten Wohnens anzunehmen, denn er wollte nicht gestört werden und lehnte jeden Besuch durch einen Sozialarbeiter in seiner künftigen Wohnung ab. Dann setzte sich das Schlüsselpersonal dafür ein, dass er Sozialhilfe beziehen konnte. Wenig später entdeckte er seine Begabung, wunderschöne Tischlampen aus bunten Glasstücken in mühevoller Arbeit zu gestalten und so verkaufte er seine Lampen – selbstverständlich weit unter deren Wert – an einige Leute und eines Tages weigerte er sich, sein Geld vom Sozialamt abzuholen, weil er das nicht mehr notwendig hätte, wie er sagte. Dann “taute” er endlich auf, sprach das Schlüsselpersonal von sich aus um Hilfe und Unterstützung an. Kurze Zeit später war das Tagesstrukturzentrum Geschichte und unser Obdachloser stand ohne jegliche Unterstützung auf der Straße.

Das Ende des Tagesstrukturzentrum war eine Katastrophe, nicht nur für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, sondern auch für das Schlüsselpersonal. So also sehen Projekte für Menschen in instabilen Lebenssituationen aus, die von Brüsseler Holzköpfen ohne jegliche Vorstellung von Armut ausgeheckt werden. Wären die Folgen für die betroffenen Personen nicht so verheerend, es könnte von einem Scherz gesprochen werden, wenn auch von einem sehr schlechten.

Und mein Blog hat sehr viel mit der Europa 2020 Strategie zu tun!

Tante Jolesch

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Matinée im Rabenhof Theater

23.09.2011:

Matinée im Rabenhof Theater, 25. September 2011

“Ka Hack’n für’n Gach” ist der Titel der Lesung aus den Tagebüchern arbeitsloser Menschen, die im Rahmen einer Matinée rund um den Aktivisten der Wiener Arbeitslosenbewegung, Peter Gach, am Sonntag, dem 25. September ab 11 Uhr im Rabenhof Theater stattfindet. Musik: Ruzsa Nikolic-Lakatos und Band. Im Anschluss an die Matinée ist eine Fahrraddemo für das bedingungslose Grundeinkommen geplant. (Augustin Nr. 305, S. 17)

Ka Hack’n für’n Gach (PDF)

Blog

Diary of a Jobseeker (Justine, North East Derbyhire, UK)

Video

Ka Hack’n für’n Gach (Auszüge der Lesung aus andererseits auf OKTO, 29:00)

Journalismus-Preis von unten 2011 der Armutskonferenz, 19. Dezember 2011

Auszeichnung in der Kategorie Neue Medien für Peter Gach und sein multimediales Projekt “Ka Hack’n für’n Gach”

Die Armutskonferenz möchte mit diesem Preis Journalismus fördern, der den vielen Facetten von Armut gerecht wird, Betroffene respektvoll behandelt, ihre Stimmen hörbar/sichtbar macht und Hintergründe ausleuchtet.

URKUNDE

APA-OTS: Preisverleihung: Journalismuspreis von unten 2011

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Mein 61. Geburtstag

19.05.2011:

Ab einem mehr oder weniger gewissen Alter sind Geburtstage nicht mehr so lustig wie früher. Dieser war da keine Ausnahme, noch dazu, wo ich seit Tagen das Gefühl hatte, dass mir etwas fehlte. Ein winzig kleines Stückchen Leber nämlich. Ich zweifle keineswegs daran, dass die Leber das einzige Organ des Menschen ist, das sich selbst regeneriert. Vorausgesetzt man führt ein halbwegs gesundes Leben und übertreibt gewisse Laster nicht. Doch ohne dieses winzig kleine Stückchen Leber wäre die Gewissheit, dass ich zu allem Überdruss auch noch an einer Leberzirrhose im Anfangsstadium leide, nicht so sicher. Also, keine feuchtfröhlichen Geburtstage mehr.

Obwohl meine Lebenssituation jede Menge berechtigter Anlässe zu ordentlichen Besäufnissen böte. Mit 61, zwei chronisch gewordenen Krankheiten, vier erfolglosen Anträgen auf Invaliditätspension sowie ebenso vielen Klagen gegen die abschlägigen Bescheide der PVA, ich wäre nicht invalide. Und das in aussichtsloser Position, einzig aus dem Grund, weil es keinen Berufsschutz für mich gibt, da ich über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfüge. Mein ursprünglicher Lebensplan aus den 1970er und 1980er Jahren sollte eigentlich nach 55 Jahren als rechtschaffener Pensionist enden.

Das Arbeitslosengeld mit einem Grundbetrag von 55% des täglichen Nettoeinkommens bzw. die sogar noch niedrigere Notstandshilfe in der Höhe von EURO 17,79 täglich reicht bei weitem nicht aus, um ein halbwegs menschenwürdiges Leben führen zu können. Daher bekomme ich die bedarfsorientierte Mindestsicherung als ergänzende Sozialleistung sowie die Mietbeihilfe, weil die Miete höher ist als der in der bMS vorgesehene Beitrag. Aber auch das reicht nicht für ein halbwegs “gutes” Leben.

Daher beschreibe ich im Folgenden meine drei dringendsten Wünsche als Bezieher der Notstandshilfe mit ergänzender Mindestsicherung:

1. Arbeitslosengeld und Notstandshilfe

Zuerst einmal müsste die Ersatzrate beim Arbeitslosengeld von derzeit 55% auf 75% angehoben werden. Beim Arbeitslosengeld sollte es eine Grenze geben, die nicht unterschritten werden kann, und zwar nach den jährlichen Berechnungen von EU-SILC. Das waren 2005 ca. EURO 744 und wären 2008 ca. EURO 951. Wenn im Jahre 2008 jemand arbeitslos war und weniger als EURO 951 Ersatzrate bekommen hätte, dann sollte die Ersatzrate automatisch auf EURO 951 angehoben werden.

Auch der ÖGB fordert die Anhebung der Nettoersatzrate bei der Arbeitslosenunterstützung und Notstandshilfe auf den europäischen Durchschnitt.

Damit bräuchte es dann auch keine neun bedarfsorientierten Mindestsicherungen mehr.

2. Bedarfsorientierte Mindestsicherung (bMS)

Wenn die neun bedarfsorientierten Mindestsicherungen in Österreich die Armut vermeiden sollen, dann müsste die bMS wenigstens auf die Höhe der aktuellen Erhebungen von EU-SILC angehoben werden. Die Ausbezahlung der bMS im Jahre 2011 in der Höhe von EU-SILC 2005 ist da natürlich viel zu niedrig.

Die Grundbedürfnisse des Menschen wie Wohnen, Energie, Kleidung, Nahrung und kulturelle Teilhabe sowie Bildung müssten zur Gänze durch die bMS abgegolten werden. In Wien sind die Kosten für Wohnen durch die Mietbeihilfe der MA 50 theoretisch zur Gänze abgedeckt. Die Kosten für Energie (Gas, Strom, Fernwärme) sind in meinem Fall etwa zur Hälfte abgedeckt, alles andere so gut wie gar nicht oder aber nur als Notlösungen wie Ausgabe von Bezugsberechtigungen für Sozialmärkte oder der kostenlosen Ausgabe von gebrauchten Kleidern. Diäten wie sie bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus II und/oder Hepatitis C sind überhaupt nicht abgedeckt, weil angeblich in der Mindestsicherung inkludiert.

Und natürlich die Auszahlung der bMS in ganz Österreich 14 Mal pro Jahr.

3. Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension

Menschen, die am ersten Arbeitsmarkt keine Arbeit mehr finden, weil sie (angeblich) ein zu hohes Alter erreicht haben und über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, haben keinen Berufsschutz, wenn es um die Frühpension geht. Selbst dann nicht, wenn sie an einer oder mehreren chronisch gewordenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden.

“Dass Sie keinen Arbeitsplatz mehr finden ist kein Grund für die Pensionierung. Was zählt, ist, ob Sie mit Ihrem Gesundheitszustand noch in einem Beruf arbeiten könnten.” (AK Wien: Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension)

Das ist schlicht und ergreifend ein Hohn, denn am ersten Arbeitsmarkt werden Mitarbeiter_innen abgebaut, wenn sie ein mehr oder weniger bestimmtes Alter erreicht haben. Zusätzlich herrscht da auch noch ein Jugendwahn, der selbst bis ins hohe Alter hinein Höchstleistungen von den Arbeitnehmer_innen verlangt. Und wenn jemand das Unglück hat, im Alter von 50 Jahren entlassen zu werden, dann wird der Weg in die Frühpension künstlich erschwert, wenn nicht gar komplett verbaut.

ÖGB-Schwerpunkt: Armut und soziale Ausgrenzung

AK Wien: Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension

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Eineinhalb Tage im AKH

10.05.2011 bis 11.05.2011:

Dienstag

An diesem Tag muss ich um 8 Uhr – seit sechs Stunden nüchtern – im AKH sein, Leitstelle 21 H, zur Leberbiopsie. Die Leitstelle 21 H befindet sich in der letzten Ebene des Roten Bettenturms. Ich wollte ja immer schon hoch hinaus und in den Aufzügen herrscht ärgstes Gedränge. Ich bekomme ein Bett in einem Dreibettzimmer. In einem Bett liegt ein 90jähriger Mann, das andere ist frei. Nach einigen Formalitäten wird der Eingriff vorgenommen. In einem Behandlungsraum auf der selben Ebene.

Bei einer Leberbiopsie wird bei vollem Bewusstsein und lokaler Betäubung ein Stück Leber entnommen. Beim Eingriff selbst musste ich auf der linken Seite liegen, danach zwei Stunden lang auf der rechten. Eingeklemmt zwischen dem Bett und mir ein Sack, gefüllt mit Sand, der so fest wie möglich gegen die Wunde gedrückt werden musste. Das hätten leicht die längsten zwei Stunden meines Lebens werden können, wenn nicht das Aufnahmegespräch geführt worden wäre. Das lenkte mich nämlich von dem Schmerz im rechten Arm ab, der sich wegen der unbequemen Haltung schon bald eingestellt hatte. Wichtige Erkenntnis: Ab einem mehr oder weniger gewissen Alter und im Zusammenhang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen finden Aufnahmegespräche grundsätzlich im Liegen statt.

Das dritte Bett wurde besetzt. Mit einiger Verspätung bekam ich das Mittagessen. Das Essen war ausgezeichnet und ich verschlang es förmlich, hatte ich doch an diesem Tag noch nichts gegessen.

Am Abend besucht mich ein Freund und bringt mir etwas zum Essen mit. Wir treffen uns auf Ebene 5 und ich verschlinge die mitgebrachten Nudeln.

Mittwoch

Bei der Visite unterhielt sich die Ärztin, die den Eingriff an mir vorgenommen hatte, mit dem 90jährigen Patienten. Der Mann war rüstig und auch geistig sehr rege. Er litt sehr darunter, dass er im Spital nichts tun konnte wie er es gewohnt war, sondern sich von den Krankenschwestern und dem Personal bedienen lassen musste. Da sagte die Ärztin etwas, das mich aufhorchen liess: Der Mensch ist eben nicht gerne untätig.

Es ist wahr: Der Mensch ist nicht gerne untätig. Einige Menschen – so wie ich – werden jedoch zur Untätigkeit gezwungen. Weil ich seit mehr als 20 Jahren arbeitslos bin, wird gewaltiger Druck auf mich ausgeübt. Entweder einen Idiotenkurs zu absolvieren oder eine Arbeit anzunehmen, die absolut keine Zukunftsperspektiven für mich hat. Von einer Ausbildung, die auch nur annähernd etwas mit Besserqualifizierung zu tun hätte, keine Rede. Dabei werden meine Interessen und Fähigkeiten völlig ignoriert, wie auch meine gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Depressionen? Die hat heute bald wer. Diabetes? Es gibt Diabetiker, die arbeiten. Hepatitis C? Selber schuld. Dass praktisch bei jeder einzelnen dieser gesundheitlichen Beeinträchtigungen Druck und Stress die Leiden nur verstärken und unnötig in die Länge ziehen, interessiert nicht. Dass sich Diabetes und das Leberleiden vielleicht gegenseitig hochschaukeln, ist kein Thema. Alles wird getrennt gesehen und mit dem verglichen, was irgendwo in einer Schublade über mich geschrieben steht: Arbeitsunwillig. Harter Fall. Oder so ähnlich.

So wird mir nach mehr als 40 Jahren recht drastisch vor Augen geführt, dass es ein Fehler war, die Berufsausbildung nicht abgeschlossen zu haben. Danke. Das weiss ich schon die längste Zeit, nämlich seit dem Vorfall, der zu meiner fristlosen Entlassung geführt hat. Seither habe ich mehrere Berufsorientierungskurse absolviert, insgesamt zwei EDV-Kurse und einen Webdesign-Kurs vom AMS bezahlt bekommen. Aber nichts, was auch nur entfernt mit einer Berufsausbildung zu tun gehabt hätte. Zusatzausbildungen, nichts als Zusatzausbildungen, die ohne Grundausbildung ziemlich nutzlos sind. Für einen Arbeitsmarkt, der immer härtere Anforderungen an Arbeitnehmer stellt.

Dabei gäbe es eine ganz einfache Lösung: Wer etwas tun kann, was ihm gefällt und was er sich aussuchen kann, der wird dies auch gerne tun. Egal, ob er gut oder schlecht dafür bezahlt wird. Na ja, ganz egal ist das nicht, aber immer noch besser als das, was vom AMS verordnet wird: Hilfsarbeiten bis hin zu “Bürgerarbeit”, ohne Aussicht auf Aufstiegsmöglichkeiten oder gar Lohnerhöhungen. Womöglich auch noch zeitlich befristet. Damit die Leute nur ja nicht aus dem Teufelskreis aus miesen Jobs mit noch mieserer Bezahlung und neuerlicher Notstandshilfe herauskommen.

Wer in diesem verhängnisvollen Teufelskreis verharrt, weil er sich nicht selbst am Schopf aus dem Schlamm ziehen kann, der wird später natürlich keine hohe Pension haben. Und wer über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt, der wird natürlich nicht in die Frühpension entlassen, weil seine Arbeitskraft ja – theoretisch – überall eingesetzt werden kann. Reine Formalitäten gelten mehr als der tatsächliche Gesundheitszustand. Da wird wieder einmal alles über einen Kamm geschoren. Es wird nicht differenziert. Wozu auch? Wer sich in diesem Teufelskreis befindet, der ist selber schuld. Recht geschieht ihm. Hätte er besser was gelernt…

Einige Tage lang hatte ich das Gefühl, dass mir etwas fehlte, selbst wenn es nur ein winzig kleines Stückchen Leber war. Ach ja, die Diagnosen: Leberzirrhose + Diabetes Entgleisung. Das erklärt die extrem hohen Zuckerwerte der letzten Monate. Ich werde auf zwei Insuline eingestellt, eines für den Langzeitzucker, das andere für den Tageszucker. Mit gravierenden Änderungen meiner Ess- und Lebensgewohnheiten. Das Insulin für den Langzeitzucker muss ich exakt alle 12 Stunden einnehmen, also um 8 Uhr und um 20 Uhr. Dazwischen alle drei Stunden das Insulin für den Tageszucker, danach essen. Wenn die Zuckerwerte höher als 200 sind, darf ich nichts mehr essen.

Als ich entlassen werde, habe ich bereits einen Termin versäumt, ein weiterer geht sich nicht aus, weil ich noch zu meiner praktischen Ärztin gehen muss. So kurz dieser Spitalsaufenthalt auch war, so sind die Folgen für mich beachtlich. Ich kann nicht mehr so weiter machen wie bisher. Ich möchte mich jetzt nur noch auf die ganz wichtigen Dinge konzentrieren und mich so weit wie möglich zurücknehmen. Ich muss nicht überall dabei sein und von einem Termin zum anderen hetzen. Ich brauche keinen Stress und keinen Ärger.

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