14.-22.06.2011
Mein zweiter Aufenthalt im AKH war eine einzige Erholung. Kurz davor war ich ambulant auf zwei Insuline eingestellt worden, eines für den Langzeitzucker, das andere für den Tageszucker, und seit langem hatte ich normale Zuckerwerte. Die beiden Leidensgenossen in dem Dreibettzimmer waren gesprächig und nicht so borniert wie die drei alten Tatteriche im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern. Beide hatten Löcher in den Füßen vom Zucker und da musste ich immer wieder daran denken, wie arg das Gutachten des Psychiaters an der Realität vorbei ging, der mir beim aktuellen Verfahren wegen der Invaliditätspension den Drogenkonsum vorwarf, der länger als 35 Jahre zurücklag.
Bei den Klagen gegen den abschlägigen Bescheid der PVA geht es eindeutig nicht mehr um ein halbwegs faires Verfahren, sondern nur noch darum, so viele Leute wie möglich abzuweisen. Egal, ob sie am Arbeitsmarkt überhaupt noch eine Chance haben oder nicht. Der eigentliche Skandal ist, dass die Gutachter schreiben können, was sie wollen und ihnen wird mehr geglaubt als aktiven Ärzten, die am neuesten Stand der medizinischen Forschung sind. Und sie werden überhaupt nicht kontrolliert.
Plötzlich hatte ich absolut keinen Stress mehr, weder vom AMS noch wegen der Mindestsicherung. Ich genoss den geschützten Rahmen als Patient im AKH. Es gab einmal drei Schnitzel in einer Woche, allerdings ohne Panier (also nicht eingebröselt), aber das machte mir überhaupt nichts aus. Die Portionen hätten grösser sein können. Auch das war nicht so schlimm, denn auf Ebene 5 gibt es ein kleines Lokal, das täglich bis 21 Uhr geöffnet hat und wo es Pizza, Nudel- und Reisgerichte gibt.
Kein Stress mehr. Das war die schönste Erfahrung nach langer Zeit und ich dachte oft darüber nach, wie es mir heute gehen könnte, wenn ich nicht mehr als zwanzig Jahre lang finanziell viel zu kurz gehalten worden wäre. Wenn mir ausreichend Geld zur Verfügung gestanden wäre, um mich in all den Jahren der Entbehrungen so zu ernähren wie es gut für die Gesundheit gewesen wäre. Und am Ende stand immer die Überlegung, ob mehr Geld nicht auch wesentlich günstiger für das Gesundheitssystem gewesen wäre, das jetzt mit jährlichen Kosten wegen meines angegriffenen Gesundheitszustandes rechnen muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung den Befürwortern des Sparwahns sauer aufstossen würde. Und es gibt viel zu viele Menschen, denen es ganz ähnlich geht wie mir.
An einem Sonntag hörte ich auf Ö3 die Sendung “Frühstück mit mir”. Gast war eine Ö3-Mitarbeiterin, die sich in wenigen Tagen selbständig machen wollte. Sie erzählte von ihren Eltern und wie verständnisvoll sie schon als Heranwachsende behandelt worden ist. Zum ersten Mal in meinem Leben (eigentlich zum ersten Mal seit ich mich in der Armutskonferenz und bei Sichtbar werden engagiert hatte), machte ich mir Gedanken über den Gegensatz von Arm und Reich. In diesem Fall dachte ich über die Chancen nach, die jemand haben kann oder die jemand eben nicht haben wird und zwar nur aufgrund der Herkunft. Reiche Eltern: Unzählige Chancen. Arme Eltern: Pech gehabt. Ewig schade, was da an Potentialen für immer verloren geht.
Auf Ebene 21 befindet sich die Diabetiker-Station des AKH und hier wird den Patienten alle drei Stunden der Zucker gemessen. Bei Tag und bei Nacht, unbarmherzig alle drei Stunden. Eines Nachts wurde bei meinem Bettnachbarn nur noch 20 Zucker gemessen. Optimale Werte liegen zwischen 70 und 100. Zwanzig war da schon lebensbedrohend. Plötzlich war alles hell und das Zimmer wimmelte nur so von Schwestern und Ärztinnen. Der Patient lag bereits im Koma und wurde wiederbelebt. Und wieder dachte ich an die Gemeinheiten der Gutachter, die so tun als ob Diabetes weniger schlimm als eine Verkühlung ist.
Ja, es gibt Diabetiker, die arbeiten. Es gibt sogar eine Hochleistungssportlerin, die Diabetes hat und trotzdem bei Wettbewerben mitmacht. Aber nicht jeder Mensch hat dieselben Beschwerden. Nicht jeder Mensch ist gleich alt. Und nicht jeder Mensch hat zusätzlich eine zweite chronisch gewordene Krankheit wie Hepatitis C mit einer Leberzirrhose im Anfangsstadium. Es wird alles über einen Kamm geschoren und das macht unglaublich hilflos. Es ist als ob das Recht auf ein gutes Leben für alle eben nicht allen zugestanden wird.
Zwei Tage später wurde mein Bettnachbar nach Hause geschickt. Einen Tag später kam ein Patient von der Intensivstation zu uns ins Zimmer. Er war gebürtiger Rumäne, der seit Jahren in Deutschland lebt und arbeitet. Er war zu Besuch bei seinen Eltern, in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist, und befand sich auf der Heimfahrt. Unterwegs hatte er viel zu hohen Zucker, verlor das Bewusstsein und verursachte einen Verkehrsunfall. Er war zwei Monate in der Intensivstation. Wegen Diabetes und wegen zu hohen Zuckerwerten…
